Abstracts

Familie als Herstellungsleistung.
Neue Herausforderungen für Privatheit und Fachlichkeit.

Karin Jurczyk

Familienformen und Lebenslagen sind heute vielfältig, ebenso wie die Art und Weise, wie Familien ihren Alltag gestalten. An Stelle fester Strukturen und tradierter Werte tritt ein reflexives „Doing Family“. Eine Familie „hat“ man heute nicht einfach, sondern man muss sie „tun“ und immer wieder neu „herstellen“. Dazu trägt auch der wachsende Druck auf Familien bei: Beide Elternteile wollen, oder müssen erwerbstätig sein, die Arbeitswelt entgrenzt sich, Anforderungen an Partnerschaft, Förderung, Bildung und Pflege erhöhen sich. Die Ressourcen um damit umzugehen, sind jedoch sehr ungleich verteilt. Viele Familien erleben (Zeit)Stress, ein erheblicher Teil macht zusätzlich Armutserfahrungen und wird bildungsmäßig „abgehängt“. Treten weitere Belastungsfaktoren hinzu, kumuliert dies zu Risikolagen, insbesondere für ein gutes Aufwachsen von Kindern. Staatliche Politiken und Maßnahmen haben sich bislang diesen neuen Herausforderungen nur bedingt gestellt.

 

Familien zwischen Jugendamt und psychiatrischer Betreuung.
Kinder psychisch erkrankter Eltern im Familiensetting.

Ulrike Loch

Jede Gesellschaft hat geteilte Bilder von gelingendem Familienleben, sowie von Familiensituationen, die als unterstützungsbedürftig oder -würdig gelten. In meinem Vortrag werde ich anhand von Beispielen aus dem Kinderschutz zeigen, wie Familien durch die Arbeit von Fachkräften, entsprechend gesellschaftlicher Vorstellungen mitgestaltet und damit auch mithervorgebracht werden. Anhand von Fallbeispielen werde ich folgenden Fragen nachgehen: Was bedeutet es, wenn psychiatrische Settings zur Stabilisierung eines Elternteils die Erhaltung der Erwerbstätigkeit in den Vordergrund stellen? Oder wie entwickelt sich eine Familie, wenn ambulante Unterstützungen, wie Familienintensivbetreuung, an die Nichterwerbtätigkeit einer Mutter gebunden werden? Je nachdem, welche fachliche Einschätzung fallorientierend ist, entwickelt sich die Familiensituation unterschiedlich. Diese und ähnliche Beispiele zeigen, Familien und ihre Entwicklungen werden durch die Arbeit von Psychiatrie und Kinder- und Jugendhilfe mithervorgebracht. Dieser soziale Prozess vollzieht sich, unabhängig ob er vonseiten der Praxis oder der Wissenschaft reflektiert wird. Angesichts der Professionalitätsanforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe stellt sich jedoch die Frage, wie wir Familien mitgestalten wollen, damit sie kindgerechte Entwicklungen und Bildung fördern, sowie soziale Inklusion hervorbringen können.

 

Doing Family – Jenseits der Beratung.
Kreative sozialpädagogische Methoden zur Herstellung von Bindung.

Kerstin Wörz und Tosca Wendt

Kreative Methoden aus der Musik- und Kunstpädagogik, aus Werken oder der Erlebnispädagogik werden in der Sozialen Arbeit als Mittel eingesetzt um bestimmte Ziele zu erreichen. Alle genannten Methoden fördern die Kreativität. Dass sie aber darüber hinaus auch persönlichkeitsbildende, kommunikations- und wahrnehmungsfördernde Wirkungen haben ist wenig bekannt. Genau diese Wirkung ist es die sie für die Soziale Arbeit prädestinieren.

So zeigt Meis (2012, S. 41f) auf wie Ressourcen mittels kreativer Methoden gefördert werden können. Für die Förderung der Empathie, Offenheit, Beziehungs-, Konflikt- Kritikfähigkeit und dem Aushalten von Unsicherheiten (Ambiguitätstoleranz) werden kreative Gruppen-Aktivitäten verwendet. Im gemeinsamen Tun kann Zusammenhalt der Familie, Selbstwirksamkeit jeder/s einzelnen Person und der Familie als Gruppe erlebt werden. Meis (2012, S. 41) verwendet die Kategorisierung der Ressourcen nach Herringer 2006, S. 90ff.

Im gemeinsamen Tun entsteht Beziehung, Bindung: ob es nun gilt gemeinsam Musik zu machen, ein gemeinsames Werkstück zu erstellen oder eine „sportliche“ Herausforderung zu meistern. Hier trifft sozialpädagogische Arbeit auf, dem dieser Tagung zu Grunde liegenden Practical Turn der Familienwissenschaften: „Man „hat“ eine Familie nicht einfach, sondern man muss sie „tun“ (Jurczyk 2014, 117).

Im Workshop werden Theorie und Methoden jenseits der Sprache miteinander verknüpft und an Hand von Beispielen und Übungen diskutiert.

 

Die Eltern sind das Beste für mich.
Die Rolle von Familien für armutsbetroffene Kinder.

Ingrid Kromer und Michaela Moser

Im Zentrum des Workshops stehen Definitionen, Studienergebnisse und Handlungsoptionen zu Kinderarmut mit speziellem Fokus auf die Bedeutung von Familie und sozialen Netzwerken.
Anhand einer auch in der konkreten Arbeit mit Kindern einsetzbaren Übung, werden zunächst Armuts-Definitionen erarbeitet und vorgestellt.
In der Folge werden Ergebnisse einer Studie zu Armut aus Kindersicht, mit speziellem Fokus auf den Kontext Familie präsentiert. Dabei werden sowohl „individuelle Gesichter“, als auch die „tief eingegrabenen strukturellen Züge“ (M. Zander, 2015) von Armut deutlich und diskutiert.
Schließlich wird gemeinsam diskutiert und erarbeitet, welche Bedeutung Familien und soziale Netzwerke für armutsbetroffene Kinder haben und in welcher Form sozialpädagogische Praxis, im Kontext vielfältiger Formen von Familie, Beiträge zur Bekämpfung von Kinderarmut und der damit einhergehenden Scham und Exklusion leisten kann.

 

Und wir haben halt dann viel die Erzieher gefragt, was kann man machen, wenn?
Rückkehr von Kindern und Jugendlichen aus der Fremdunterbringung in ihre Herkunftsfamilien.

Christina Lienhart und Bettina Hofer

Das Thema „Rückkehr aus der Fremdunterbringung in die Herkunftsfamilien“ setzt ein Feld in den Fokus, in dem das Zusammenwirken von Familien und Institutionen besonders deutlich wird: zentrale familiale Angelegenheiten werden mit Blick auf das Kindeswohl entprivatisiert und zum Gegenstand von Einschätzungs-, Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen. Wie lebt eine Familie, deren Kind eine Zeitlang in „Voller Erziehung“ verbracht hat und in die Familie zurückgekehrt ist, heute ihren Alltag? Wie ist es zur Fremdunterbringung und wie zur (geplanten oder unplanmäßigen) Rückkehr gekommen? Was bedeutete die Fremdunterbringung für die Familienmitglieder und wie war dann das „Neu-Zusammenleben“ als Familie? Was hat der Mutter, dem Vater, den Geschwistern und was den jungen Menschen dabei besonders geholfen und was haben sie als belastend erlebt? Und wie gestalten Fachkräfte in Fremdunterbringungseinrichtungen und von ambulanten Hilfen, sowie der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe, diese Rückkehrprozesse? Diesen Fragen widmet sich ein Forschungskooperationsprojekt von SOS-Kinderdorf/F&E (Christina Lienhart/Bettina Hofer) und Universität Graz/Arbeitsbereich Sozialpädagogik (Helga Kittl-Satran), bei dem die Perspektive von Jugendlichen und Eltern ebenso erhoben wurde, wie jene der Fachkräfte bei SOS-Kinderdorf und der Kinder- und Jugendhilfe. Im Workshop werden wir ausgewählte Forschungsergebnisse vorstellen und mit den TeilnehmerInnen zu Chancen und Risiken, sowie Voraussetzungen und Herausforderungen von Rückkehrprozessen im Ko-Produktionsverhältnis von Familien, öffentlicher und privater Kinder- und Jugendhilfe, Familiengericht und weiterer Institutionen diskutieren.

 

Alltag zwischen Institution und Familie.
Umgangsweisen mit Spannungsverhältnissen in familienähnlichen Betreuungsformen.

Maximilian Schäfer und Marco Matthes

Erziehungsstellen, sozialpädagogische Lebensgemeinschaften und familienanaloge Wohngruppen, d.h. familienähnliche Betreuungsformen, sind mittlerweile etablierte und weit verbreitete Formen der stationären Erziehungshilfe. Strukturell betrachtet stellen diese Arrangements Hybride zwischen Institutionen und Familien dar, woraus im Alltag zahlreiche Spannungsverhältnisse, Uneindeutigkeiten und Herausforderungen für alle Beteiligten entstehen. Anknüpfend an aktuelle Befunde einer ethnografischen Studie über den Alltag in diesen Betreuungsformaten wird die Komplexität und Vielschichtigkeit dieser Settings beleuchtet und gemeinsam diskutiert. Der Workshop möchte Wissenschaft und Praxis gemeinsam ins Gespräch bringen, einen Raum für landesübergreifende Erfahrungen mit familienähnlichen Betreuungsformen eröffnen, sowie zur Reflexion über den häufig widersprüchlichen Alltag zwischen Institution und Familie anregen.

 

Familien und Sozialraum.
Werken in de wijk – ein niederländisches Modell.

Christian Schwital

In der sozialpädagogischen Landschaft der Niederlande hat es eine Verschiebung der Hilfeangebote hin zu einer gemeinwesenorientierten Palette der Hilfen gegeben. Ein „wijk“ ist ein klar definiertes Areal oder Stadtviertel, in dem ein „wijkcoach“ Hilfen im Rahmen eines sozialräumlich orientierten „wijkteams“ organisiert. Eine Herausforderung ist die Aktivierung von BürgerInnen, Freiwilligen, ExpertInnen und Interessierten, um diese zu einem funktionierenden Team zu formen. Wie sieht dies in der Praxis aus? Was erfordert dies von den AkteurInnen? Wie kann ein Transfer davon erfolgen? Welche Aspekte sind förderlich und welche hinderlich? In einer lebendigen Workshop-Kultur soll das Konzept des „werken in de wijk“ vorgestellt werden. Das Ziel ist, eine Idee der niederländischen Herangehensweise zu bekommen und einen möglichen Praxistransfer zu diskutieren.

 

Sozialnetzkonferenz im Rahmen der Justiz.

Rupert Wackerle

Die geschichtliche Entwicklung
Die unterschiedlichen Bereiche
Die Rolle der KoordinatorInnen
Die Möglichkeiten und Grenzen